Frei, Frau und Feiertag

Lesungen sind ja so eine Sache: Bist du müde, hörst du nicht wirklich zu, kommst aber vielleicht mal zum Nachdenken über andere, im Idealfall wichtige Dinge. Oder du hörst zu (weil nicht müde) und kommst zum Nachdenken über gesagte, wichtige Dinge. So auch bei meiner ersten Schönen Lesung von radioeins. Sie nennt sich so und hat den Namen sicher auch verdient, denn allein der große Sendesaal des rbb ist wirklich schön.

Radio1-Lesung
Autorin Hanya Yanagihara und Literaturagent Thomas Böhm

Wer hier liest, muss nicht zwangsläufig schön sein, gestern passte es aber ganz gut mit dem Hinschauen nebst Hinhören, denn Mark Waschke las vor und der sieht eigentlich in jedem seiner Filme, allen voran der Berliner Tatort, gut aus. Aber um ihn ging es natürlich nicht, sondern um das erste Buch der einmalig anwesenden Autorin Hanya Yanagihara, „Das Volk der Bäume“ von 2013. Dass sie nicht aus ihrem zweiten Roman, dem Bestseller „Ein wenig Leben“ las, sondern aus einem Buch, das bereits vor sechs Jahren veröffentlicht wurde, mag seltsam anmuten. Wenn man dann aber erfährt, dass sie 18 Jahre an ihm geschrieben hat, erscheint einem der Termin fast schon „zeitnah“. Und der Inhalt passt auch erstaunlich gut zum aktuellen  Weltgeschehen.

In „Das Volk der Bäume“ geht um einen Arzt, der auf einer Insel glaubt,  ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden zu haben. Damit erhebt er sich an die Spitze der Wissenschaft, leitet aber auch die Kolonisierung und Zerstörung der Insel ein. Der Roman basiert auf einem realen Fall: dem Missbrauchsskandal um den US-amerikanischen Virologen und Nobelpreisträger Daniel Carleton Gajdusek. Yanagihara stellte in ihrer Kommentierung selbst einen Bezug zu den Missbrauchsvorwürfen gegenüber Woody Allen & Co her, den der Moderator,  radioeins-„Literaturagent“ Thomas Böhm, wortgewandt hinterfragte. Überhaupt war die gesamte Lesung lobenswert, weil kurzweilig und bisweilen sogar amüsant. Hanya Yanagihara ist definitiv eine beeindruckende und humorvolle Frau. Mir gefiel die Tatsache, sie am internationalen Frauentag, der in Berlin gerade zum Feiertag auserkoren wurde, kennenzulernen. Frei hatte ich nicht wirklich, denn ich führte vorab noch ein Interview mit einer Leichtathletin für den Tagesspiegel, aber hey, es war eine Frau, und insofern….

Ich ließ es mir dann auch nicht nehmen, Mark Waschke besonders lange zu applaudieren, denn er las wunderbar flüssig und stimmig Passagen aus der deutschen Fassung des Buches vor und vermittelte mit seiner Lesebrille einen völlig neuen Eindruck. Ich musste lächelnd an mein dpa-Gespräch mit ihm auf der Berlinale denken, wo er mir von seinem Gott mit den zwei Geschlechtern erzählt hatte – einem „mit Schwanz und Titten“. Was für ein herrlicher Zufall, dass Yanagihara in dem Moment ebenfalls einen Satz sagte, in dem Gott vorkam, und der mich abschließend noch in die Berliner Nacht begleitete: Das Schreiben habe ihr ein gottgleiches Gefühl gegeben. Hatte das jemals eine Autorin so offen von sich behauptet? Zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Von einem Autoren wie Bild-Kolumnist Franz-Josef Wagner indes lese ich Sätze wie diese dagegen gefühlt täglich…

Nun denn, das Resümee meines ersten freien Frauentages in Berlin sei kurz zusammengefasst: Frei, Frau und Feiertag sind Begriffe, die wunderbar zusammenpassen. Aber wirklich neu ist das in Berlin nun auch wieder nicht. Allein die Tatsache, dass die Hauptstadt mit der Anzahl ihrer Feiertage anderen Bundesländern hinterherhinkt, ist das entscheidende Argument, das ich natürlich noch gebührend gefeiert habe…

Ein Gedanke zu „Frei, Frau und Feiertag“

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